HALB TAUBE HALB PFAU

// TEXT

90° 0′ 0“ S das Land ist weiß zu allen Seiten. Kaum irgendwas ist sichtbar, fast alles wird verschluckt von diesen schieren Massen Schnee. Oder verschwindet in Schichten gleißenden Lichts. Von dem wenigen, das mir begegnet, kann das meiste nichts ausrichten. Über weite Strecken bleibt es einfach gleich. Eine Ausbreitung ungeheurer Leerstellen. Karge Brachen, Flächenwuchs, Stille.

Wenn ich mich herausnehme aus der Landschaft, wenn ich mich fremd mache und den Blick weit stelle, kann ich versuchen, mir die Landschaft verständlich zu machen. Ich betrachte die Schollen, die in der Landschaft liegen, in seltsamen Distanzen voneinander entfernt. Es sind Schollen von unterschiedlicher Länge, Dichte und Beschaffenheit. Sie schlagen Schneisen ins Land. Allesamt sind sie angesiedelt auf einer schmalen, scharfen Grenze zu einem ausufernden Weiß.

HALB TAUBE HALB PFAU ist ein Land. Eine weitläufige, weiße Fläche, in der Texte wie Fundstücke auftauchen. Sie dehnen sich aus, überlagern und verwachsen sich, driften auseinander und verschwinden vorübergehend im Weiß. Sie werden aufgehoben, betastet und wieder fallen gelassen, erneut aufgenommen, behauen, anders zusammengesetzt. Das sind die Schollen, die sich bilden im Land. Davor und danach ist Stille, weißes Rauschen. Dazwischen sitzt das Echo.
 
// SOUND
 

HALB TAUBE HALB PFAU ist eine Partitur. Hören Sie hier: das Land. Hören Sie Stimmen, Soundflächen, Stille. Hören Sie Gletscherschmelzen. Hören Sie Tiere, von hier, von unten, von der Unterseite der Kontinente. Haben Sie hier: die Echokammern, den Remix.

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AUDIOPRODUKTION
Text und Arrangement: Maren Kames
Regie und Produktion: Milena Kipfmüller
Kontrabass und Komposition: Klaus Janek
SprecherInnen: Maren Kames, Marina Frenk, Guido Graf

 
// HÖRSPIEL
 

90° 0′ 0“ S
Hörspiel von Maren Kames, Milena Kipfmüller und Klaus Janek
Sprecher*innen: Marina Frenk, Thomas Bading und Torsten Schlopsnies
Produktion: Autorinnenproduktion für den SWR, 2019

„[…] Das Hörspiel schildert eine fiktive Reise zur Antarktis, in die Kälte, Einsamkeit und Weite; eine Reise, die einer freiwilligen Selbstentäußerung gleich kommt. Die drei Künstler Maren Kames (Autorin), Milena Kipfmüller (Regisseurin) und Klaus Janek (Komponist) erhielten mit Unterstützung des SWR-Realisationsteams die Möglichkeit in einer abgeschlossenen Produktionsatmosphäre in gleichberechtigter Arbeitsweise eine außergewöhnliche Kunstform zu schaffen. Herausragende Verfremdungseffekte, das Changieren verschiedener Ebenen, insbesondere auch auf einer künstlerischen Metaebene, fördern eine neue, inspirierende Sicht auf die Welten. Wichtige Komponenten von Maren Kames‘ Inszenierungsmethode – sich fremd machen, den Blick weit stellen, die Dinge neu wahrnehmen – führen dazu, dass Hörerinnen und Hörer neugierig in die Erzählung eintauchen, sich ihr bedingungslos ausliefern und schließlich distanzlos in ihr aufgehen. Ein elementarer Baustein dabei ist Maren Kames‘ Aufsehen erregender Gedichtband Halb Taube Halb Pfau. 90° 0‘ 0‘‘ S bewegt sich in einem unabgeschlossenen Zeitfluss, zwischen dem lyrischen Ich und konkreten geografischen Orten. Es entwickelt eine enorme Spannweite und evoziert bizarre Ideen und spontane Assoziationen, die eine konventionelle Handlung überflüssig zu machen scheinen. Das Hörspiel lässt den Sätzen Raum zu wirken und pendelt so zwischen der Weite der erzählten Kopf-Landschaft und den unwirtlichen Bedingungen der realen Antarktis – schmale, scharfe Grenzen in unwägbarem Weiß. Es arbeitet mit ungewöhnlichen, poetischen Metaphern: Momente in fein ziselierter Sprache, genaue Beobachtungen von authentischen Begebenheiten in der südpolaren Fremde. Eindringliche Motive von Einsamkeit und Kälte lassen sich hier erstaunlicherweise als Möglichkeit von Freiheit verstehen. Klaus Janeks Soundscapes, Klangstrukturen und Imitationen menschlicher Lautäußerung verstärken die lyrische Ebene des Stücks. Seine Klangpoesie tritt manchmal schillernd in den Vordergrund, um sich dann aber sofort wieder unterzuordnen und den Fluss des Hörspiels mittels ihrer hochartifiziellen Eigenständigkeit wirkungsvoll zu unterstützen. […]“

aus der Begründung der Jury der Akademie der Darstellenden Künste zum Hörspiel des Monats Juni 2019
http://www.swr.de/swr2/hoerspiel/Hoerspiel-Maren-Kames-90-0-0-S,aexavarticle-swr-43492.html

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